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    Fakt oder Mythos: Das posteriore Zungenband

    • Autorenbild: Bindungswerk
      Bindungswerk
    • 22. März
    • 4 Min. Lesezeit

    Warum das posteriore Zungenband so kontrovers diskutiert wird


    Ein Thema was zunehmend Aufmerksamkeit bekommt und gleichzeitig stark polarisiert, ist das restriktive Zungenband beim Baby. Besonders das posteriore Zungenband. Während einige Fachpersonen von klaren funktionellen Einschränkungen sprechen, wird in anderen Fortbildungen betont, dass es ein posteriores Zungenband gar nicht gebe und das alles sowieso nur ein Hype sei.


    Für Eltern entsteht dadurch oft große Unsicherheit: Liegt bei Stillproblemen ein zu kurzes Zungenband vor? Ist eine Behandlung sinnvoll - oder nicht?


    Dieser Artikel gibt die einen fundierten und sachlichen Überblick über:

    • die Anatomie des Zungenbandes.

    • die typischen Symptome eines restriktiven Zungenbandes beim Baby.

    • die aktuelle Kontroverse.

    • Möglichkeiten der Diagnostik und Behandlung.


    Mein Ziel ist es, dass du eine sachliche und evidenzbasierte Einordnung erhältst.



    Was ist ein Zungenband?


    Das Zungenband (lat. Frenulum linguae) in eine Gewebestruktur, die die Zungenunterseite mit dem Mundboden verbindet. Es ist bei jedem Menschen vorhanden und erfüllt wichtige Funktionen für:


    • Stillen und Saugen

    • Schlucken

    • Sprechen

    • Mundmotorik und Kieferentwicklung


    Von einem zu kurzes Zungenband (Ankyloglossie) wird gesprochen, wenn die Beweglichkeit der Zunge eingeschränkt ist und dadurch funktionelle Probleme verursacht.



    Posteriores Zungenband - Definition und Bedeutung


    Posteriores Zungenband beim Baby sichtbar unter der Zunge - anatomische Darstellung
    Posteriores Zungenband, Säugling 12 Wochen

    Aktuell gibt es keine einheitliche Definition, was ein zu kurzes Zungenband ist. Die International Affiliation of Tongue-tie Professionals (IATP) hat sich auf eine sehr knappe Definition festgelegt, die sämtliche Erscheinungsformen umfasst: "Das Zungenband ist ein embyrologischer Geweberest in der Mittellinie zwischen der Unterseite der Zunge und dem Mundboden, der die normale Zungenbewegung einschränkt."


    Während es sehr offensichtlich restriktive Zungenbänder gibt, die sehr weit vorne an der Zungenspitze ansetzen, haben Coryllos und Watson-Genna 2004 erstmals posteriore Zungenbänder beschrieben. Bei diesen ist nur ein kleiner oder sogar gar kein Gewebestrang unter der Zunge zu entdecken - dennoch haben Stillende und Babys massive Stillprobleme.



    Woran erkennt man ein posteriores Zungenband?


    Es ist gar nicht so einfach, ein posteriores Zungenband beim Baby zu erkennen. Es braucht gut ausgebildete Fachpersonen, weil hinter den Symptomen eine ganze Vielzahl an anderen Ursachen stehen können. Oftmals gelingt es den Säuglingen die Zunge über die Unterlippe herauszustrecken und wenn unter die Zunge geschaut wird, „sieht man da gar nichts“.


    Häufige Symptome bei Säuglingen

    • Schwierigkeiten beim Saugen

    • Häufiges An- und Abdocken beim Stillen

    • Luftschlucken, Blähungen

    • Sehr lange oder häufige Stillmahlzeiten

    • Unzureichende Gewichtszunahme

    Häufige Symptome bei Stillenden

    • Schmerzen beim Stillen

    • Wunde und schmerzende Brustwarzen

    • Geringe Milchmenge

    • Rezidivierende Milchstaus / Mastitiden

    Stillendes Baby mit posteriorem Zungenband - Fokus auf Mundöffnung
    Zu kleine Mundöffnung aufgrund eines posterioren Zungenbandes, Säugling 12 Wochen

    Wichtig:

    Diese Stillprobleme durch ein zu kurzes Zungenband können auch andere Ursachen haben. Eine genaue Abklärung ist daher entscheidend.


    Also gibt es das posteriore Zungenband? Es gibt zwei verschiedene Lager. Die kritischen Stimmen sagen:

    • Es gibt keine klare anatomische Grundlage.

    • Es bestehe die Gefahr der Überdiagnostik.

    • Eingriffe wie die Frenotomie beim Baby würden zu häufig durchgeführt (und würden überdies eine Körperverletzung darstellen).


    Die Befürworte hingegen argumentieren:

    • Die Funktion sei wichtiger als ein reiner Sichtbefund.

    • Es gebe wiederkehrende klinische Muster.

    • Internationale Fachliteratur beschreibt ähnliche Phänomene.

    • Viele Familien berichten von Verbesserungen nach einer Behandlung.


    Die Wahrheit liegt - wie so oft - dazwischen.



    Diagnostik: Wie wird ein posteriores Zungenband festgestellt?


    In meiner Funktion als Stillberaterin und als Expterin für orale Restriktionen spreche ich nur den Verdacht aus und teile Beobachtungen. Diagnosen werden immer durch ärztliches Personal gestellt.

    Die Feststellung, ob ein Säugling ein restriktives Zungenband hat, sollte immer ganzheitlich erfolgen. Dazu gehören:

    Herzförmige Zungenspitze bei Baby mit posteriorem Zungenband - anatomische Darstellung
    Herzförmige Zungenspitze, Säugling 4 Monate
    • Funktionelle Untersuchung der Zunge

    • Beobachtung des Stillens und des Saugens

    • Körpertherapeutische Arbeit (= interdisziplinäre Zusammenarbeit von Stillberatung, Logopädie, Physiotherapie und Osteopathie)


    Wichtig zu wissen: Es gibt aktuell keine einheitlichen Diagnosekriterien für das posteriore Zungenband. Weshalb eine sorgfältige Abwägung, fachkundige Weiterbildungen und Erfahrung besonders wichtig sind.



    Behandlung: Wass ist eine Trennung des Zungebandes (Frenotomie) sinnvoll?


    Die häufigste Behandlung bei einem funktionseinschränkenden Zungenband ist die Trennung des Zungenbandes beim Baby.


    Eine Behandlung kann sinnvoll sein, wenn:

    • Deutliche funktionelle Einschränkungen vorliegen.

    • Stillprobleme bestehen, die sich anders nicht lösen lassen.

    • Eine fundierte Diagnostik durch fachkundige Ärzt*innen erfolgt ist.


    Gleichzeitig gilt: nicht jedes posteriore Zungenband muss getrennt werden. Eine gute Begleitung ist entscheidend:

    • Stillberatung vor und nach dem Eingriff.

    • Logopädische Vor- und Nachbegleitung.

    • Körpertherapeutische Versorgung.



    Ist die Behandlung eines verkürzten Zungenbandes Körperverletzung?


    In der Diskussion wird die Frenotomie beim Baby teilweise als Körperverletzung bezeichnet. Diese Aussage spiegelt die Sorge vor unnötigen Eingriffen wider.


    Fachlich gilt es zu beachten:

    • Jeder Eingriff braucht eine klare medizinische Indikation.

    • Eltern müssen umfassend aufgeklärt werden.


    Gleichzeitig sollte berücksichtigt werden:

    • Auch unbehandelte funktionelle Einschränkungen können langfristige Auswirkungen haben.

    • Eine pauschale Bewertung wird der Komplexität des Themas nicht gerecht.



    Was sagt die Wissenschaft?


    Die wissenschaftliche Datenlage zum posterioren Zungenband ist derzeit begrenzt.

    Es gibt Hinweise darauf, dass

    • eine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit Stillprobleme beeinflussen kann.

    • eine Frenotomie in bestimmten Fällen Verbesserungen bringt.


    Gleichzeitig bestehen

    • Uneinheitliche Studienergebnisse.

    • Fehlende Standardisierung.

    • Weiterer Forschungsbedarf.



    Fazit: Das posteriore Zungenband ist differenziert zu betrachten


    Das posteriore Zungenband ist ein komplexes und nicht eindeutig definiertes Thema. Eine verantwortungsvolle Herangehensweise umfasst viele Punkte: Eine individuelle Fallbetrachtung, eine ganzheitliche Betrachtung der Zungenfunktion und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.


    Weder eine generelle Ablehnung noch eine vorschnelle Diagnose ist zielführend.


    Wenn du den Verdacht hast, dass ein Zungenband Stillprobleme verursacht, kann es hilfreich sein:

    • Eine qualifizierte Stillberatung in Anspruch zu nehmen.

    • Eine fachliche Einschätzung zur Zungenfunktion durch weitergebildetes (!) Fachpersonal zu erhalten (z.B. Logopäd*innen oder Ärzt*innen)

    • Verschiedene Perspektiven einzubeziehen.


    Eine fundierte Begleitung kann helfen, den passenden Weg für dich und dein Baby zu finden.



    Quellennachweise:


    Becker S, Brizuela M, Mendez MD. Ankyloglossia (Tongue-Tie). 2023 Jun 9. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2026 Jan–. PMID: 29493920.


    Baxter R, Merkel-Walsh R, Baxter BS, Lashley A, Rendell NR. Functional Improvements of Speech, Feeding, and Sleep After Lingual Frenectomy Tongue-Tie Release: A Prospective Cohort Study. Clin Pediatr (Phila). 2020 Sep;59(9-10):885-892. doi: 10.1177/0009922820928055. Epub 2020 May 28. PMID: 32462918


    Coryllos E, Genna C, Salloum, A. (2004). Congenital tongue-tie and its impact on breastfeeding. American Academy of Pediatrics Section on Breastfeeding. 1-6, https://www.researchgate.net/publication/301346077_Congenital_tongue-tie_and_its_impact_on_breastfeeding


    Ghaheri BA, Lincoln D, Mai TNT, Mace JC. Objective Improvement After Frenotomy for Posterior Tongue-Tie: A Prospective Randomized Trial. Otolaryngol Head Neck Surg. 2022 May;166(5):976-984. doi: 10.1177/01945998211039784. Epub 2021 Sep 7. PMID: 34491142


    International Affiliation of Tongue-tie Professionals, https://tonguetieprofessionals.org/tongue-tie/


    Rodriguez Lara F, Carnino JM, Levi JR. Maternal Experiences and Challenges in Breastfeeding Infants with Tongue-Tie: A Systematic Review. Matern Child Health J. 2025 Jul;29(7):870-878. doi: 10.1007/s10995-025-04102-w. Epub 2025 May 14. PMID: 40366606.

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