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    Warum Babys nicht von Anfang an alleine schlafen können - und warum das wichtig ist.

    • Autorenbild: Bindungswerk
      Bindungswerk
    • 29. März
    • 3 Min. Lesezeit

    Eine Reaktion zum Artikel "Eigentlich können Kinder von Anfang an alleine schlafen" von Hanna Sellheim vom 18.03.2026 in den Kieler Nachrichten.


    Schlafendes Baby im Schlafsack liegt im Familienbett neben der Mutter, während der Vater auf der anderen Seite schläft; beide Eltern sind jeweils zugedeckt und nah beim Kind positioniert. Mit KI generiert.

    In einem aktuellen Artikel äußert eine Kinderpsychologin die Meinung, dass bereits Säuglinge in der Lage seien, alleine schlafen zu können und dass dies die Entwicklung von Selbstständigkeit fördere.


    Diese Aussage verdient eine differenzierte Betrachtung. Denn sie greift zu kurz und widerspricht dem, was wir heute über kindliche Entwicklung, Bindung und Schlaf wissen. Schlaf ist kein Trainingsfeld. Er ist auch keine Fähigkeit, die Babys „üben“ oder „erlernen“ müssen.


    Schlaf entsteht dann, wenn der Körper in einen Zustand von Sicherheit und Entspannung findet. Für Erwachsene mag dieser Zustand selbstverständlich erscheinen, für Säuglinge ist er es nicht. Ihr Nervensystem ist unreif und ihre Regulationsfähigkeit begrenzt. Was sie brauchen, ist Co-Regulation. Das bedeutet: Sie sind darauf angewiesen, dass eine Bindungsperson ihnen hilft, zur Ruhe zu kommen. Und zwar durch Nähe, Körperkontakt, Stimme und Verlässlichkeit.


    Säuglinge kommen nicht mit dem Ziel auf die Welt, möglichst schnell unabhängig zu sein. Im Gegenteil: Ihr Überleben war evolutionär immer an die unmittelbare Nähe einer schützenden Bezugsperson gebunden. Nähe ist daher kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis. Wenn Babys nachts nach ihren Eltern rufen, ist das kein Zeichen von „Unselbstständigkeit“, sondern Ausdruck eines funktionierenden Bindungssystems. Sie suchen Schutz, Regulation und Sicherheit. Diese Bedürfnisse lassen sich nicht „wegtrainieren“ und sie sollten es auch nicht.


    Die Vorstellung, dass Kinder durch frühe Trennung Selbstständigkeit lernen, hält sich hartnäckig, ist jedoch entwicklungspsychologisch nicht haltbar. Selbstständigkeit entwickelt sich aus sicherer Bindung. Kinder, die die Erfahrung machen, dass ihre Bedürfnisse zuverlässig beantwortet werden, entwickeln Vertrauen – in ihre Bezugspersonen und in sich selbst. Dieses Vertrauen ist die Grundlage dafür, sich später eigenständig von der Bezugsperson zu lösen. Nicht das Alleinlassen fördert also Selbstständigkeit, sondern die Geborgenheit und die Beziehungen mit den Bindungspersonen.


    Fürsorge endet nicht mit dem Einschlafen. Gerade nachts sind viele Säuglinge besonders auf Unterstützung angewiesen. Sie wachen auf, suchen Orientierung und Regulation. Diese Bedürfnisse sind normal und wichtig. Elterliche Reaktionen in der Nacht sind keine „schlechte Gewohnheit“, sondern feinfühlige Antworten auf kindliche Signale und tragen dazu bei, dass sich das kindliche Nervensystem stabil entwickeln kann.


    Vor diesem Hintergrund kann auch das Familienbett für viele Familien eine sinnvolle Lösung sein. Es ermöglicht körperliche Nähe, erleichtert die nächtliche Versorgung und unterstützt die Regulation des Kindes. Oft für alle Beteiligten spürbar. Gleichzeitig wird häufig die Sorge geäußert, dass darunter die elterliche Intimität leiden könnte.


    Auch hier lohnt sich ein differenzierter Blick: Intimität ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Sie entsteht in Beziehung und die findet nicht ausschließlich im Schlafzimmer statt. Paare finden individuelle Wege, Nähe und Partnerschaft zu leben, auch wenn ein Kind nachts begleitet wird. Das Familienbett steht dem nicht grundsätzlich im Weg, sondern ist eine von vielen möglichen Formen, das Bedürfnis des Kindes nach Nähe ernst zu nehmen.


    Aussagen, die suggerieren, Babys könnten oder sollten alleine schlafen, blenden zentrale Aspekte kindlicher Entwicklung aus und setzen Eltern unter Druck. Es gibt diese Babys die das können und wollen. Sie sind aber die Ausnahme und nicht die Regel. Was Eltern brauchen, sind keine pauschalen Empfehlungen zur „Förderung von Selbstständigkeit“, sondern fundierte Informationen über die Bedürfnisse ihrer Kinder und manchmal auch die Erlaubnis, ihrem eigenen Gefühl zu vertrauen: Dass Nähe richtig ist, dass Begleitung notwendig ist und dass Schlaf kein Trainingsziel ist, sondern ein Ausdruck von Sicherheit.


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